sad. Tjaja, lang, lang ist’s her, dass hier ein neuer Artikel erschienen ist. Schlimm, dieses ernsthafte Arbeiten…

01. Beach House: »Zebra « (Teen Dream, 2010)

02. Blood Brothers: »Laser Life « (Young Machetes, 2006)

03. Cats on Fire: »Higher Grounds« (The Province Complains, 2007)

04. Sublime: »Santeria« (dto., 1996)

05. MIT: »Aushilfspunker a.k.a. Punk« (2006)

So long.]


sad. Schon mehr als ein Jahr ist es nun her, dass der viel gerühmte amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace ums Leben gekommen ist. Sein postmoderner Roman Unendlicher Spaß ist erst nach seinem Tod in deutscher Sprache erschienen, begleitet von euphorischem medialen Getöse: Das Feuilleton hat sich überschlagen, im Fernsehen wurde der ziegelsteindicke Roman präsentiert, die Beiträge in Weblogs sind kaum zu überblicken. In den USA ist Infinite Jest bereits 1996 erschienen, und seitdem hatte sich Wallace mit Kurzgeschichten und Essays vor allem kürzeren Formen gewidmet. Und es lohnt sich, einen Blick über den Tellerrand des wortgewaltigen, komplex verschachtelten opus magnum zu werfen, denn David Foster Wallace tritt dem Leser in einem anderen, deutlicheren Licht entgegen.

2003 ist Wallace von der Zeitschrift Gourmet beauftragt worden, einen Beitrag über das 56. Maine Lobster Festival zu schreiben, ein Festival, bei dem es vor allem um eines geht: das Verspeisen von Hummern. Über viele Seiten schildert Wallace sachlich und detailliert, wie eine kaum fassbare Menge der Tiere in verschiedensten Variationen zum Verzehr angeboten wird, zuvor lebend gekocht im World Largest Lobster Cooker. Die Leser des Magazine of Good Living bekommen zunächst, was sie erwarten: einen Bericht über die populärste Hummer-Sause der Welt. Doch etwa nach der Hälfte des Essays kommt der studierte Philosoph Wallace zu den eigentlichen Fragen, die der kollektive Hummerverzehr bei ihm aufgeworfen hat. Ohne diejenigen zu verurteilen, die Hummerfleisch als Delikatesse genießen, denkt er darüber nach, wie es eigentlich möglich ist, Hummer zuerst bei lebendigem Leib zu kochen, anschließend jedoch mit Genuss zu verspeisen. Geschickt hält er die Leser bei Stange, bis er diese Frage stellt – und nachdem sie bereits Zeit investiert haben, um einen großen Teil des Artikels zu lesen, lesen sie ihn, so ist zu wohl, vermutlich auch zu Ende und weichen den Überlegungen nicht aus.

Sie begegnen einem David Foster Wallace, der mit rationalen, argumentativen Mitteln zu zeigen versucht, dass Hummer entgegen aller Behauptungen vonseiten der Hummerfleisch-Lobby durchaus Schmerzen empfinden können und dementsprechend leiden, wenn man sie dazu vorbereitet, von uns gegessen zu werden. Wallace bewegt sich hierzu in den Untiefen der Psychologie des Geistes und der Biologie. Er sinniert darüber, was es eigentlich heißt, Schmerzen zu haben, und wie wir gerechtfertigterweise davon ausgehen können, dass andere sich in diesem mentalen Zustand befinden, den wir selbst kaum in Worte fassen können. Im Endeffekt, so könnte man seinen Ausführungen entgegenhalten, tappt er schließlich in die Behaviorismus-Falle: Sieht man, wie die Hummer noch etwa eine halbe Minute versuchen, aus dem kochenden Wasser zu entkommen, kann man gar nicht anders, als anzunehmen, was sie erleben, würde ihnen ziemlich wehtun. Dass sie tatsächlich Schmerzen empfinden, weiß man aber natürlich nicht. Es könnte genauso ein einfacher Fluchtinstinkt sein, der auf einer ganz anderen Empfindung beruht, die dem sterbenden Hummer sagt: Das Ende ist nah.

Schön ist jedoch auch das nicht, und ganz unabhängig von Wallace Argumentation kommt man auch auf diesem Weg an den Schlusspunkt seiner Überlegungen: Der Aufforderung, sich Gedanken darüber zu machen, warum wir eigentlich so handelt, wie wir es zumeist eher unreflektiert tun – und darüber, was das Handeln der Hummer-Connaiseure eigentlich mit dem Good Living zu tun hat, dem guten Leben, dass im Namen der inzwischen übrigens eingestellten Feinschmeckerzeitschrift steckt. Diese Appelle scheinen denkbar banal, vage außerdem – und sind gleichzeitig so wichtig. Sie wirken nur deshalb nicht in unangemessenem Maße pädagogisch, weil Wallace sie aus einem Beispiel speist, dessen moralische Tragweite intuitiv einleuchtet. Das Beispiel des Hummers ist schlicht, aber wirkungsvoll: Natürlich kommt der Leser des Essays von selbst auf die Fragen, die Wallace aufwirft. Umso leichter, zu denken, der Autor würde mit erhobenem Zeigefinger tadelnd umhergehen. Doch gerade weil er grundlegende moralische Fragen geradezu naiv stellt, fühlt man sich nicht ernsthaft ermahnt oder zurechtgewiesen. Vielmehr stößt Wallace den Leser auf sich selbst und ist damit wieder bei seinem Thema: Dass wir glauben, die köchelnden Hummer empfänden Schmerzen, liegt daran, dass wir ihr Verhalten so deuten, und zwar weil wir uns ähnlich verhalten würden. Und auch, dass wir Hummerfleisch trotzdem genießen können, liegt an uns, daran nämlich, dass wir den verendenden Hummer im Topf einfach ausblenden. Ebenso blenden wir grundlegende moralische Probleme häufig aus, genau solche, wie sie sich in Am Beispiel des Hummers finden. Das ist ein Grund, sich genauer mit dem Autor von Unendlicher Spaß zu beschäftigen und auch einen Blick in seine kürzeren Schriften zu werfen: David Foster Wallace scheut sich nicht, die einfachen, aber großen Fragen zu stellen.

David Foster Wallace: Am Beispiel des Hummers, übers. v. Marcus Ingendaay, Hamburg, Zürich: Arche 2009. (78 S.)]


sad. Mit leichter Verspätung: die Oktober-Hitparade. Wer sich da wieder einmal auf den ersten Platz geschlichen hat…

01. Morrissey: »Speedway« (Vauxhall And I, 1994)

02. Crystal Castles: »Alice Practice « (dto., 2008)

03. Julia Hummer & Too Many Boys: »Endsong« (Downtown Cocoluccia, 2005)

04. The Fever: »Gray Ghost« (Red Bedroom, 2005)

05. Sophia: »Reprise« (Absolute Giganten O.S.T., 1999)

Und weil es so schön ist: hier noch einmal in der wunderbar gefühlsduseligen Schlussszene aus Absolute Giganten (1998):

So long.]


Von Kluegeren lernen 012 - Gehirn

sad. Die gebeutelte Zeitschrift Literaturen hat gerade einen Relaunch erfahren dürfen. Hübsch ist die neue Ausgabe geworden, wenn auch nur unwesentlich aufregender als die alte Version der Zeitschrift. (Zusätzlich gibt es übrigens ein sicherlich von gewaltigem Erfolg gekröntes Internetportal, in dem allerlei Artikel aus den Publikationen des Friedrich Berlin Verlags zu finden sind, das – gewitzter Titel… – kultiversum). Wie dem auch sei: Jochen Schmidt, dessen letztes Buch, Schmidt liest Proust, ich lektorieren durfte, hat darin einen wunderbar sinnfreien Artikel mit dem Titel »Gehirngedanken« publiziert. Darin heißt es:

»Manche Menschen schützen ja ihr Gehirn mit einem Fahrradhelm, anscheinend halten sich diese eitlen Narren für unersetzlich. [...] Der Vorteil ist, dass mein Gehirn eines der wenigen Gehirne ist, die sich sich selbst vorstellen können. Das liegt daran, dass es so unkomplex ist, dass sogar ein so unkomplexes Gehirn wie meines es schafft, es zu verstehen. Selbsterkenntnis fällt natürlich den Dummen viel leichter.«

Über solche Sätze freue ich mich, denn sie helfen auch mir, zu verstehen: Mein Hirn tickt ähnlich, Komplexität ist ihm ein Fremdwort.

Jochen Schmidt: »Gehirngedanken«, in: Literaturen 10 (Oktober 2009), H. 10, S. 85.]


sad. Nach längerer Pause (manchmal gut, so etwas) treibe ich mich mit dem Verlag Voland & Quist auf der Frankfurter Buchmesse herum. News, Photos und so weiter und so fort sind bei Twitter zu finden. Aloha-hey!]


sad. Die September-Hitparade. This kicks ass. Not.

01. Dinosaur Jr.: »See You « (Farm, 2009)

02. Fever Ray: »When I Grow Up« (dto., 2009)

03. Museum: »For The Very First Time« (Exit Wounds, EP 2005)

04. Crystal Castles: »Xxzxcuzx Me« (dto., 2008)

05. Morrissey: »Suedehead« (Viva Hate, 1988)

So long.]


Titel. Terminator: The Sarah Connor Chronicles
Staffeln. 2 (à 9/22 Folgen)
Koordinaten. USA 2007-2009 (Creator: Josh Friedman)
Zeit. 03.2009-09.2009
Ort. Hamburg
Modus. Wachsende Begeisterung
Gesellschaft. None

Eckige Augen 020 - Poster - ''Terminator S.C.C'' (2007-09)sad. Lange hat mich die Terminator-Reihe eher genervt, bis ich 2003 Terminator 3 im Hamburger Grindel-Kino gesehen habe,. Die letzte Reihe hat den gesamten Film hindurch jubelnd Arnold Schwarzenegger angefeuert, was ziemlich komisch war, vor allem aber dazu geführt hat, dass ich mir die alten Filme noch einmal angesehen habe – und, zack, war’s um micht geschehen. Dickes Geballere und – ganz im Gegensatz etwa zur langweiligen Robocop-Reihe – allerlei philosophische Problemchen, die als Subtext verhandelt werden und als Alibi vorgeschoben werden können, wenn man sich in pseudointellektuellen Kreisen einmal rechtfertigen muss – was will man mehr?

Die Sarah Connor Chronicles setzen acht Jahre nach Terminator 2: Judgment Day im Jahr 1999 ein. John Connor (Thomas Dekker) – zukünftiger Anführer der Rebellion gegen die Maschinen – und seine Mutter Sarah Connor (Lena Headey) halten sich vor der Polizei und möglicherweise aus der Zukunft zurückgesandten, fiesen Terminators versteckt. Natürlich werden sie von einem ganz besonders garstigen T-888 aufgespürt, freundlicherweise jedoch vom umprogrammierten Terminator Cameron (groß-, groß-, großartig gespielt von Summer Glau) gerettet. Cameron wurde vom John Connor der Zukunft eigens dazu in die Vergangenheit geschickt und entwischt dem bösen Terminator Cromartie gemeinsam mit Familie Connor ins Jahr 2007.

Dort gibt es allerlei zu tun, denn Skynet, jene künstliche Intelligenz, die irgendwann die Menschheit beinahe auslöschen wird, ist bereits in der Entwicklung. Das Dreiergespann erhält Unterstützung vom ebenfalls zurückgesandten Derek Reese (Brian Austin Green), also Johns Onkel (der dies zunächst nicht weiß), von Sarahs altem Lebenspartner Charley Dickson (Dean Winters), erst Fallstricke zwischen die Beine, dann ebenfalls Unterstützung von FBI-Agent James Ellison (Richard T. Jones), allerlei Terminatoren treiben ihr Unwesen und versuchen, die Gruppe zu erledigen, müssen jedoch fast immer selbst dran glauben, ein schicker Flüssigmetall-T-1001 ersetzt eine Konzernchefin, Catherine Weaver, um den Entwurf eines Supercomputers zu beschleunigen, einige der Hauptfiguren und ein Haufen Unbeteiligter müssen sterben oder werden tragischerweise gerettet, nur um in der Zukunft irgendwann eine wichtige Rolle in der Rebellion zu spielen und ein relevanteres Ende zu finden, falls die eventuell gerade umgestaltete Zukunft noch jene ist, die die Zurückgereisten kennen, kurz: die Fäden werden immer verworrener – und irgendwann scheinen auch die Hauptfiguren nicht mehr zu wissen, ob ihr Strampeln gegen die scheinbar immer unausweichlicher werdende nukleare Apokalypse irgendetwas bewirkt.

Bei ihrem Vorgehen orientieren sie sich an vielen, zumeist unklaren Hinweisen auf die Entwicklunge von Skynet, ohne dass dabei klar wäre, wie diese Hinweise zusammenhängen. Nicht verwunderlich also, dass John irgendwann eine Therapie besucht, Sarah nervlich schwer angeschlagen ist und immer mehr Freunde, Bekannte, Unbeteiligte oder Menschen, die an einem Teil von Skynet arbeiten, sterben müssen, meistens, ohne zu wissen, warum all das mit ihnen geschieht.

Ohne zuviel über den Fortgang der sehr intelligent konzipierten Serie zu verraten, sei soviel gesagt: Sie bleibt in ähnlicher Weise wie Twin Peaks ein Fragment (mit einer großartigen Pointe in der letzten Folge); es ist lange nicht alles gesagt, es sind lange nicht alle Handlungsstränge zu einem Ende gebracht, trotzdem ist man nicht völlig gefrustet, weil man nicht alles erfährt, was es zu erzählen gibt. Denn die Serie enthält bereits jetzt genug Dinge, über die man nachdenken kann, sodass es vielleicht gar nicht schlecht ist, dass sie nicht verrät, ob, wann und warum Skynet schließlich doch die Macht übernommen hat: Zunächst werden ungefähr alle Vorstellungen über Schicksal, Zukunftsdetermination und Beeinflussbarkeit der Zukunft auseinandergenommen, die man sich denken kann (naja, zumindest ziemlich viele), und damit – auf eine allgemeinere Ebene gehoben – immer auch die Grenzen der Reichweite eigener Handlungen problematisiert, all das hübsch verpackt in clevere Stories, die meistens in den Folgen abgeschlossen werden, während sich die Rahmenhandlung natürlich durch die gesamte Serie zieht. Dabei wird übrigens nicht nur geballert, vielmehr steht das Zwischenmenschliche im Mittelpunkt der Serie – und die Beziehungen zwischen Menschen und Maschinen.

Diese sind meistens zwar einfach gestrickt, da natürlich die meisten Terminatoren Familie Connor und jene, die sie beschützen oder von denen sie beschützt werden, lediglich töten sollen. Bei den beiden T-was-weiß-ich-Modellen, die für ein komplexeres Bild künstlicher Intelligenzen sorgen, gestalten sich die Beziehungen zu den Menschen, die sie beschützen sollen (Cameron) oder zu denen sie ein ambivalentes Verhältnis haben (Catherine Weaver [gespielt von Garbage-Sängerin Shirley Manson]), ein wenig verworrener. Beide Cyborgs verändern sich nämlich, je länger sie mit Menschen zu tun haben, und zwar weil ihre vorgegebenen Daseinszwecke es notwendig machen, dass sie bis zu einem gewissen Maß offen gegenüber Menschen und ihren teilweise irrationalen Einstellungen und Gefühlen sind.

Das macht sie noch nicht zu Personen, sie kommen an diesen Status jedoch ziemlich dicht heran: Sie lernen, immer differenziertere Entscheidungen zu treffen, adaptieren Gefühle und tätigen Handlungen aus Gründen, deren Zweckrationalität kaum mehr auszumachen ist – trotzdem bleibt ihre Antwort auf die Frage danach, wie sie handeln sollen, letztlich doch gebunden an ihre Programmierung: Ihr Handeln zielt immer auf die Erfüllung ihres telos als Diener eines der beiden [sic!] mächtigen Computerprogramme oder dem Ziel, John Connor zu beschützen. Wie sich in der letzten Folge zeigt, ist aber das Potential zumindest eines der besagten Computerprogramme nicht darauf beschränkt.

Whatever. Um auszusprechen, was vermutlich bereits aus all diesen wagen, Spoiler weitestgehend vermeidenden Andeutungen spricht: Eine anregende, anspielungsreiche, spannende, actionlastige, mal soapige, mal furchtbar tragische Serie, die anzusehen sich wirklich lohnt.]


sad. Wie lehrreich, wenn innerhalb eines Tages die beiden Seiten der Demo-Gewalt-Medaille vorgeführt werden: Während die Polizei beim gestrigen Hamburger Schanzenfest lediglich Beobachter in Zivil eingesetzt hat und die behelmten grünen Männchen erst auf der Bildfläche erschienen, als eine Polizeiwache  von Linksautonomen angegriffen wurde, die nicht wussten, wie sie mit dieser entspannten Situation umgehen sollten, ist auf der »Freiheit statt Angst«-Demo in Berlin, die ebenfalls gestern stattgefunden hat, das Folgende passiert. Das Video ist inzwischen hinlänglich bekannt, es zu präsentieren aber eine Sache des Prinzips, wie ich finde. Deshalb auch hier:

Bin gespannt, wie man sich hierfür rechtfertigt. Ob mal wieder ein armer, armer Polizist überfordert war?]


sad. Die August-Hitparade. Seltsame Mischung. Naja, whatever:

01. The Movements: »Save Me« (The World, The Flesh And The Devil, 2009)

War leider in keiner besseren Fassung zu finden… Aber: eine riesige Live-Band, am 26.10. im Hafenklang/HH

02. IAMX: »Song Of Imaginary Beings« (The Alternative, 2006)

03. The Herbaliser: »Generals« (Take London, 2005)

Das offizielle Musikvideo ist wirklich schäbig, deshalb hier ein Ersatz.

04. The Indelicates: »… If Jeff Buckley Had Lived « (American Demo, 2008)

05. Morrissey: »Everyday Is Like Sunday« (Viva Hate, 1988)

So long.]


Diabetes als Ausrede 002 - Pumpenpopjf. Sehr geehrte Typ-1-Diabetiker, sehr geehrte Standard-Menschen (Typ-2-Diabetiker werden auf Wunsch des Patienten ausdrücklich nicht gegrüßt, da er sie für Schummler hält: Mit ein bisschen Disziplin und Fitness hätten sie die Zuckerkrankheit umgehen können),

anlässlich des Jahrestages der Kinder- und Jugenddiabetes am 2. August, den Sie hoffentlich genauso gefeiert haben wie Weihnachten, ist es eine ganz besondere Ehre ein weiteres Mal das breite und wunderbare Themenfeld der Diabetes als Ausrede zu betreten. In einem Fernsehbericht über den besagten Jahrestag ging es insbesondere um die Insulin-Pumpe, die durch ihre einfache Handhabung Kindern den Einstieg in ein von der Krankheit gezeichnetes Leben erleichtern soll. Im darauf folgenden Gespräch mit dem Patienten, der zurzeit seine voraussichtlich letzten Schulferien genießt, erklärte er kurz, warum er den normalen Insulin-Pen der Insulin-Pumpe vorzieht. Man erhält durch die dabei vorgebrachten Argumente einen guten Einblick in die typische Denkweise eines selbst- und krankheitsbewussten Diabetes-Patienten:

  • Es ist vermutlich ein äußerst merkwürdiges Gefühl sich dauerhaft mit einem 1 cm langen Katheter im Bauch zu bewegen. Spätestens nach den Saw-Filmen sollte man eine gesunde Abneigung gegen Fremdkörpern im eigenen Körper entwickelt haben.
  • Der Gedanke an einen Bioport weckt zurecht die Angst, nun, zum Beispiel eine menschliche Spielkonsole zu werden, etwa so wie in dem Film eXistenZ.
  • Besonders bei Fans der digitalen Monster – und diese sind schließlich zumeist Kinder – könnte eine Pumpe problematische Assoziationen hervorrufen: Wie im Bild zu sehen ist, ähnelt sie nur allzu sehr dem Digivice (Digimon der zweiten Generation). Phantasievolle Kinder könnten mit ihrem Blutzuckerwert herumexperimentieren, um so in die digitale Welt zu kommen…

Wie man sieht: Es gibt hinreichende Gründe, keine Pumpe, sondern einen Pen zu verwenden.

Um wenigstens noch in aller Kürze zum eigentlichen Thema zu kommen, hier noch ein kleines Beispiel, wie die dieser moralisch und geschmacklich grenzwertigen Kolumne zugrunde liegende Ideologie umgesetzt werden kann:

Der Patient war gerade in die sechste Klasse gekommen, als er am Morgen eines Schultages feststellte, dass er weder Lust auf die anstehenden Schulstunden hatte noch auf sie vorbereitet war. Um dem vor ihm liegenden Stress zu entkommen, spritzte er sich zur notwendigen Morgendosis Insulin noch fünf Einheiten zusätzlich. Mithilfe einer gewitzten Formel hatte er sich ausgerechnet, dass so um halb acht, also eine halbe Stunde vor Schulbeginn, ein Unterzuckerzustand eintreten würde.

Um halb Acht liegt der Patient immer noch im Bett (hierzu ist eine präzise Vorhersage des späteren Blutzuckerwerts wichtig) und misst den Blutzucker: 47. 100 ist bekanntermaßen der Wert, den man idealerweise haben sollte und als Standard-Mensch ohne äußerliches Zutun auch hat. Und man weiß es aus Beat-em-up-Spielen: Zeigt die Energieleiste 47 an, kann man sich nicht sicher sein, den Gegner zu überstehen. Hat man sich erst einmal mit diesem hübschen Vergleich in der Schule entschuldigt, kann man diese Theorie den ganzen Tag über testen. Oder alternativ Mario Sunshine zocken und Katzen streicheln.

In der nächsten Folge: Unterzucker, das schlagende Argument. Wie Sie Ihr näheres Umfeld dazu bekommen, Sie in jeder Situation zu bedienen.

Bitte messen sie jetzt ihren Blutzucker und injizieren sie sich vorsichtshalber 25 Einheiten Insulin. Das gute Lantus. Nicht das Kurzzeitinsulin. Oh Mann, das weiß man doch. Aktueller HbA1C = 6,2]