
sad. Vor Kurzem stand ich mit einer Freundin vor dem Spiegel, wir sahen unser Gegenüber an und mussten leider nicht einmal genau hinsehen, um festzustellen, dass wir alt geworden sind. Naja, zumindest älter: Erste graue Haare, die Augenringe nicht mehr therapierbar, mehr Narben als noch mit Anfang zwanzig. Das mag sich jetzt albern anhören, ist es vermutlich auch, trotzdem ist etwas anders geworden.
Was genau sich abgesehen von den ersten körperlichen Verfallserscheinungen geändert hat, gleitet aber seltsamerweise zwischen den Fingern hindurch, ohne dass man es wirklich fassen kann. Vielleicht ist’s so, wie Junot Díaz es in dem wunderbaren Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao beschreibt:1
»Eines Tage marschierte er [Oscar] in den Game Room und musste überrascht feststellen, dass die neue Generation von Nerds gar keine Rollenspiele mehr kaufte. Sie war versessen auf Magic-Karten! [...] Das erste Anzeichen, dass sich die eigene Ära dem Ende zuneigt: wenn der neueste Nerdkram nicht mehr verlocken kann, wenn man das Alte dem Neuen vorzieht.«
Ging mir auch so, als Magic in Deutschland erschien (ups, geoutet…), kann ich verstehen. Ist wohl im Allgemeinen mit Musik so, auch bei mir im Speziellen: Fast alle meiner Lieblingsbands machen keine neuen Songs mehr – oder es gibt sie nicht mehr. Sowohl die Pixies, als auch At The Drive-In, Refused, die Blood Brothers. Und auch der eigene Kleidungsstil erlaubt inzwischen, sich zumindest in den meisten Kontexten zu bewegen, ohne großartig aufzufallen. Man unterhält sich über Reisen und stellt überrasch fest, dass es inzwischen das halbe Leben zurückliegt, dass man zuletzt in London war oder zum ersten Mal ein Mädchen mit Zunge geküsst hat. Ein seltsames Gefühl, dass dann bleibt, auch wenn man sich im Allgemeinen eigentlich ganz gut fühlt.
Naja, whatever: Trotz dieser kurzen, seltsamen Gefühle bei manchen Erinnerungen ist es noch nicht so, wie von Silvia Bovenschen in ihrem Essay Älter werden beschrieben, wo sie ihren eigenen Status sehr prägnant folgendermaßen zusammenfasst:2
»Ich bin ein bündelndes rückkoppelndes Als-ob, das sich eine fragwürdige Erinnerungsgeschichte schafft, um dann aus ihr zu bestehen...«
Und solange man an diesem Punkt noch nicht angekommen ist, ist eigentlich alles gut, glaube ich. Zumal die genannten Bands auch erstens nicht die einzigen sind, die meine Füße zum Dribbeln bringen, das können auch MGMT und andere. Und zweitens zeichnen sich besagte Bands genau dadurch positiv aus, dass sie sich aufgelöst haben, während andere, inzwischen peinliche Helden meiner Jugend wie etwa Oasis das schon vor langer Zeit hätten tun sollen.
Aus dem Hintergrund meint gerade jemand, ich solle mich mit Sinnvollem beschäftigen, nicht mit diesem Schwachsinn. Ob das angesichts der implizierten Rationalität eine Kategorie alter Leute ist, »Sinnvolles«? Natürlich nicht, aber der Gedanke passt gerade. Ha!
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1 Junot Díaz: Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao. Roman. Übers. v. Eva Kemper. Frankfurt a.M.: S. Fischer 2009, S. 304.
2 Silvia Bovenschen: Älter werden. Notizen. 6. Aufl. Frankfurt a.M.: S. Fischer 2006, S. 155.]
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